Quo vadis, Gemeinde?

Seit letztem Jahr verändert sich unsere Gemeinde. Pandemie, Neubau, schließlich ging unser Jugendpastor. Ich schaute mir das bisher eher als „Zuschauer“ an. Und natürlich macht man so seine Gedanken.

Nun kommt mit einem Interims-Pastor jemand, der unsere Gemeinde (neu) ausrichten soll. Man will die Gemeinde in feste(ere) Formen gießen, so mein Eindruck. Zumindest ist das eine Idee, auch wenn sie vielleicht nicht umgesetzt wird.

Das erinnert mich an damals, 2003, als wir von den Jesus Freaks Darmstadt in eine pfingstlerische Gemeindegründungsschule gingen und lernten, wie man vermeintlich eine Gemeinde gründet. Bei Pfingstlern, das fällt mir im Nachhinein auf, besteht für mich die Kontroverve zwischen geist- und pastorgeleitet. Oft weht ja der Geist, wo er will und der Pastor ist halt anderer Meinung und dann geht da ganze schief. Habe ich oft genug und gerade bei Pfingstern beobachtet. Klar, wenn der Pastor ebenfalls geistgeleitet ist, geht es nicht schief, aber wie oft denken Pastoren das von sich und folgen nur ihren eigenen Wünschen, lassen keinerlei Korrektur mehr zu, weil ihnen vielleicht die nötige Demut, oder sogar der nötige Respekt gegenüber „seinem Schaf“, das kritisiert, fehlt?

Unser Interims-Pastor erzählte von der Geschichte der Baptisten und daß jede Gemeinde vor Ort entscheiden kann und muß, wo die Reise hingeht. Demokratisch, sozusagen. Und genau dieser Ansatz gilt in unserer Gemeinde und macht sie so für mich attraktiv. Der Heilige Geist leitet sozusagen die Masse und die Masse ggf. den Pastor bzw. die Leitung, so wohl grob die Idee, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich glaube dennoch, daß es auch da Grenzen gibt, zB beim Thema Taufe, sonst gäbe es ja die FEG nicht. Aber gut, damit kann ich leben.

Unsere Gemeinde ist aus meiner Sicht heterogen, mit klarer Mehrheit einer gut bürgerlichen, vielleicht sogar spießigen Mittelschicht, zu der ich mich auch zähle. Die meisten sind eher Kopfmenschen und agieren auch so. Vielleicht ist das auch „typisch Deutsch“, für mich jedenfalls ist es mehr kulturell als geistlich, aber klar, das greift da ineinander. Für mch als katholisch naßgemachter Ex-Ministrant, Ex-Lutherischer, dann pfingstlerisch geprägter Jesus Freak, der jetzt unter Baptisten lebt, ist das mit der Kultur so eine Sache. Ganz ehrlich: Bei den meisten Lobpreisliedern denke ich an „ein Münchner im Himmel“. Da ist Lobpreis schon Opfer für mich. Aber auch damit kann ich leben und so schlimm wie am Anfang ist es auch nicht mehr für mich ;-).
Es gibt aber auch charismatische Leute bei uns, die mit erhobenen Händen und laut singen, die eben anders sind – und das ist nicht nur okay, sondern wichtig! Schade, daß im letzten Jahr ein paar gegangen sind.
Und dann gibt es noch jene Unbequemen, die psychisch krank sind, vielleicht „geistig arm“ ? Gemeinde ist, davon gehe ich aus, dazu da, um Menschen für Jesus zu gewinnen. Und Jesus will alle. Folgen wir dem, und bekehren sich Menschen, wird es schnell ungemütlich. Dann läuft ein Gottesdienst wahrscheinlich sogar völlig anders, unplanbar, ab. Und das ist dann okay, finde ich. Wichtig ist, was in einer Gemeinde ist und nicht deren äußerer Anstrich (=Gottesdienstablauf).

Meine Angst ist, daß man gegen alle oder viele Eventualitäten Regeln aufstellt, die Gemeinde „theologisch auf eine Linie“ bringt, damit es innerhalb der Gemeinde keinen Streit mehr gibt. Wir hatten das schonmal. 2005. Viel kranker, keine Frage, aber dennoch mit einer gewissen Angst geleitet, die man durch das Schaffen von Strukturen und Regeln zu bändigen versuchte. Ich halte das für gefährlich, für falsch, ja, für zerstörerisch. Es ist der Keim des Spaltpilzes, der eine Gemeinde auseinanderbrechen läßt. So habe ich das erlebt und davor kann ich nur warnen. Ich bin lieber weiterhin in einer heterogenen Gemeinde, in der man den anderen so stehenlassen kann, wie er ist, ohne dabei seine eigene theologische Meinung dem anderen überzubügeln oder gar sich unter eine gemeinsame theologische Meinung unterordnen zu müssen.

Eine Gemeinde muß vom Heiligen Geist und nicht von Regeln geleitet werden, und der Heilige Geist, der weht, wo der will. Und wie er will (frei nach Johannes 3,8). Und wo der Heilige Geist ist, da ist Freiheit. Regeln sind da das Gegenteil.
Wenn Menschen in bestimmten Situationen Regeln brauchen, ist das eine andere Sache. Das ist dann individuell, und dann auch wiederum freiwillig.

Ich bin an der Stelle überaus dankbar für unsere Leiter, die sich bisher schwer ins Zeug legten und ihr bestes versuchen. Die schwer ackern, die „nebenbei“ den Bau unseres Gemeindehauses begleiteten/leiteten – und das sicherlich bis jenseits ihrer Belastungsgrenze.
Menschen, die ich inzwischen liebgewonnen habe und vor denen ich meinen Hut ziehe (irgendwann kauf ich mir mal wieder einen, ganz bestimmt!). Diese Menschen haben unsere Gemeinde zu einer, wie ich in Relation zu anderen Gemeinden finde, Mitmachgemeinde geprägt haben. Da macht man einfach gerne mit und man spürt, daß man es nicht für einen Leiter oder Pastor macht, sondern für Jesus selbst. Als Ex-Leiter einer Jesus Freaks Gruppe kann ich da nur ermutigen, sich auch mal (innerlich) etwas zurückzuziehen, mal laufen lassen und gewisse Dinge wirklich abzugeben.

Im August 2003 nahm ich mir als Leiter eine Auszeit über einen Monat. Ich versetzte die Gruppe in eine Art Schock, so wurde es mir berichtet, aber es war ein „heilsamer Schock“. Und Gott bestätigte damals meine Entscheidung und machte mir klar, daß nicht ich die Leute leite, sondern Jesus selbst. In einem charismatischen Gottesdienst, wo ich auftankte, und jemand in Sprachen betete und das wurde dann genau so ausgelegt, daß es für mich war. Die Jesus Freaks Gruppe bestand jedoch nicht überwiegend aus Spießern, sondern Studenten, Schülern und psychisch Kranken. Ich habe es trotzdem gemacht, nein, ich konnte nicht anders. Und dieser Monat tat mir so gut! Im Grunde muß man da als Leiter auch mal loslassen, bzw. das lernen. Vielleicht nicht alles, sondern nur Bereiche? Ich kann das so nicht beurteilen.

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