Digitalindustrie: Ihr habts verkackt!

Gerade in der Digitalwirtschaft erscheint mir das Wettbewerbsprinzip, das ja in unserem Wirtschaftssystem so großgeschrieben wird, für nichtig und es zeigt ein Gesicht des Kapitalismus, das eben Wettbewerb am liebsten abstellen würde. Der Kapitalist ist nicht an Wettbewerb interessiert, sondern schlicht und ergreifend nur an der effizientesten Vermehrung seines Kapitals. Dann wird eben notfalls Kapital in den Markt gesteckt, sodaß er so verzerrt wird, daß es keinen Wettbewerb mehr gibt. Paradebeispiel: Micro$oft, das mit schlechter Software einen Markt eroberte und seinen Wirtschaftsmachtbereich mit Kapital (also in dem Fall Geld) so erweiterte, daß von den Kunden noch mehr Geld erpreßt wurde. So sehe ich das.
Es „gewann“ also nicht das beste System, sondern das schlechteste, weil eben Kapital und (damit) Macht dahinter stand. Das war bis vor 20 Jahren auch noch nicht so ein großes Problem, denn die Rechner waren meistens offline.

Bis dahin ging es „nur“ um Geld und Marktmacht. Die Leute arrangierten sich mit einem Windows, das auf ihre Kisten oft mit allen möglichen unnützen und ausbremsenden Gadgets draufgerotzt wurde. In den 90ern war es u.a. normal, sein Windows alle halbe Jahre neu aufzusetzen. Absurd. 1999 entdeckte man bei einem Windows-Update einen wohl nicht gelöschten Kommentar. Der hieß „NSA-Key“. Ja, das war noch im letzten Jahrtausend! Es wurde rumorakelt, was das bedeuten soll und im Grunde ist es klar: Die NSA kann auf Windows-Systeme zugreifen. Eigentlich ist, spätestens seit Edward Snowden genau das bestätigte, klar, daß es nun nicht mehr nur im Geld und Macht geht, sondern um Würde. Die Würde eines jeden Kunden, der diese Produkte benutzt.

Spätestens seit Edward Snowden mißtraue ich jeglicher Software, die nicht quelloffen ist. Mit Ausnahmen: AVM (FRitz!Box) und SailfishOS (Jolla). Was diese beiden verbindet ist zumindest der Umstand, das deren Geräte über 7 Jahre (oder mehr) noch mit Updates versorgt werden. Und AVM zeigte, das sie auf Sicherheitslücken schnell reagieren können – und wollen! Das ist Kundenfreundlichkeit und schafft einfach Vertrauen. Das 2013 herausgekommene Jolla Smartphone, das inzwischen meine Tochter benutzt, bekommt bis heute System-Updates. Der größte Teil des Systems ist jedoch quelloffen. Doch es enthält eben auch propritäre Anteile.

Aber was geschieht abseits dieser „Nische“ ? Menschen kaufen sich ein Smartphone, vollgestopft mit geschlossener (propritärer) Software, die man nichtmal deinstallieren kann und bekommen vielleicht 2-3 Jahre noch Systemupdates vom Hersteller dafür. Sie kaufen sich also einen Computer, mit Kamera(s), Mikrofon(e), GPS-Empfänger, etc, der mit einer undurchsichtigen Software eines datengefräßigem, typisch kapitalistischem Konzerns betrieben wird. Da ist es eigentlich schon egal, ob das Google oder Apfel ist. Und dann installiert sich der Kunde auch noch Whatsapp vom Facebook-Konzern darauf, ebenfalls eine Kapitalistendatenkrake, die einen nachweislich Dreck auf ihre Kunden gibt, denn sie haben ja die Marktmacht, weils „jeder“ benutzt, weswegen „jeder“ zu deren Mist gezwungen wird, der mit denen kommunizieren will, die ebenfalls deren Dreck benutzen. Aber das ist deren Geschäftsmodell. Das gehört zum Wettbewerb.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es so schön in Artikel 1 Grundgesetz. Ist das wirklich so? Wenn ich mir vorstelle, daß Menschen sich milliardenfach deren Konzerne ausliefern, wird mir schlecht. In meinen Augen geben sie ihre Würde, ihren persönlichen Artikel 1 GG, bei jenen Konzernen ab. Für ein paar bunte Apps. Für „kostenlose“ Kommunikation oder „kostenlose“ Spiele. Ich habe zB die AGB von Whatsapp überflogen. Ergebnis: „Nein, das geht garnicht“. Es geht nicht. Sowas von garnicht. Und dankend sage ich diesem Konzern ins Gesicht: „Behaltet euern Scheiß!“ Meine Würde ist mir wichtiger als eure Software. Das gilt übrigens auch für die Google-Dienste, die im Mastodon so schön treffend „Goolag“ genannt werden. Die Google-Dienste sind auf nahezu jedem käuflichen Android-Smartphone erstmal fest installiert und können nicht gelöscht werden. Auch das ist in meinen Augen unwürdig, denn: Du darfst viel Geld für dein Smartphone ausgeben, es benutzen , aber (erstmal) nicht besitzen. Das gilt im Besonderen für Apple-Jünger.

Zähle ich das alles zusammen, kann ich zusammenfassend sagen, daß die Digitalindustrie es weitgegend verkackt hat. Sicherheitstechnisch, vom Verhalten gegenüber der Kunden bis hin zum Ausspähen. Schlimm ist, daß sich die meisten damit arrangieren. Dieses Arrangieren mit diesem System nervt mich, vorallem, weil der Staat feststellt, daß es die meisten Bürger ja willfährig tun – und damit ebenfalls Datenansprüche stellt. Damit werde ich in einen Topf mit den (gefühlt?) 99% der normalem Kunden geworfen. Das kotzt mich an. Es ist sicher nicht ganz vergleichbar, aber in meinen Augen geschieht da Unrecht, das normal geworden ist und mit dem sich die meisten eben arrangieren. Nein, man wird nicht eingesperrt, wenn man etwas dagegen sagt oder sich diesem System entzieht (wie auch immer geartet). Aber man wird eben ausgegrenzt und schon schief angesehen, wenn man das Grundgesetz (vorallem für sich selbst) ernstnimmt und darauf pocht. Und es tut gut, zu spüren, daß man nicht alleine dasteht.

Dennoch: Die Politik schläft da. Seit Jahren. Jahrzehnten. Offenen Auges. Es geht nicht nur um die Würde unserer Gesellschaft, es geht auch um Industriespionage. Aber gleichzeitig wird über die Vorherrschaft von US-Konzernen auf diesem Gebiet massiv gejammert. Dabei gibt es eine europäische Antwort auf das Sillicon Valley: Open Source. Linux. Quelloffene Software, mit deren Lizenzen man zwar kein Geld verdienen kann, aber eben durch Arbeit (Support), deren Software nachweisbar effizienter ist, zumindest wenn es um Betriebssysteme geht.
Als Angela Merkels Handy von der NSA abgehört wurde, hätte sie ein Zeichen setzen können und mal bei Jolla anrufen können. Jolla ist eine europäische Firma. Hat sie aber nicht. Lieber doch irgendwas von einem Großkonzern.

Noch kann man Smartphones weitgehend so und unkompliziert von deren Herstellern entsperren lassen, um quelloffene Betriebssysteme zu installieren. Huawei hat das vor knapp 2 Jahren abgestellt – und gleichzeitig rechenstarke Smartphones zu Dumpingpreisen verkauft. Für mich sind das chinesische Überwachungsstationen. Und was der chinesische Staat von unserem Artikel 1GG hält, kann man dort ja gut erkennen. Aber der deutsche Kunde sieht nur das Billige und Geiz ist ja angeblich geil. Ich finde es abstoßend. Wir sind heute dabei, unsere Würde, unseren Artikel 1GG zu beerdigen, wenn wir unsere Würde nicht einfordern. Nicht nur beim Staat, sondern bei den Konzernen. Bei allen Softwareherstellern. Und wer da nicht mitmacht, sollte eben beim Kauf geächtet werden. So funktioniert Marktwirtschaft und Wettbewerb. Dumm nur, daß kaum einer bereit ist, für seine Würde (etwas) Geld auszugeben.
Und jeder Kunde sollte sich beim Kauf fragen, wieviel ihm die eigene Würde wert ist. Sich jegliche AGBs durchlesen, deren Software installiert wird. Das Abnicken und Häkchensetzen ist nämlich juristisch nichts anderes als das Unterschreiben eines Vertrages. Das Problem ist nur, daß der Kunde das Verletzen der eigenen Würde (noch) nicht merkt. Ich fürchte, wenn er es merkt, ist es zu spät – und unsere Freiheit Vergangenheit.

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