Wir leben in keinem christlichen Land (mehr)

Das ist eine Feststellung, die ich immerwieder mache. Viele Christen regen sich darüber auf, daß biblische Werte über Bord geworfen werden und ich finde das tatsächlich auch alarmierend. Nur frage ich mich, ob man da tatsächlich Parteien dafür verantwortlich machen kann. Ich würde sagen „jein“, denn Parteien werden von Menschen bzw. der Gesellschaft gewählt, geformt, gemacht. Dabei ist es – zeitverzögert – egal, ob sie ein „C“ beinhaltet, oder nicht. Die Gesellschaft, sag ich mal salopp, scheißt dadrauf, was in der Bibel steht, das beobachte ich sehr häufig und das muß man erstmal als Christ verdauen. Viele scheinen dagegen sturmzulaufen, zu protestieren, sind eben gegen den Zeitgeist. Ich bin das auch, nur schimpfe ich nicht (mehr) darüber. Ich stelle es nüchtern erstmal fest. Wie es soweit kommen konnte, darüber kann man sich das Hirn zermartern, ich habe da so meine Thesen. Zum einen hat – Gott sei Dank – die Kirche nicht mehr die Macht über Menschen wie eins, zwei Generationen vor mir. Schon zu meiner Jugendzeit gingen einige nur noch wegen der Oma oder „aus Tradition“ in die Kirche, Gründe, die ich damals schon nicht verstanden habe. Ich bin konsequent mit 19 ausgetreten – mit allen Konsequenzen und bin heute heilfroh darüber. Ich kann nachvollziehen, daß viele Menschen, die in die Kirche gezwungen/manipuliert wurden, dagegen aufbegehren und vergessen dabei, daß Manipulation und Zwang nicht Gottes Wille ist. Konsequenz: Sie warfen mit der Kirche auch den Glauben an Gott über Bord. Schade, aber ich kenne viele, die das taten. Die meisten waren, wie ich, katholisch, aber analog gibts das sicher auch in (streng) Lutherischen Kirchen, also, behaupte ich mal. Aber gerade die ev. Kirche versucht schon seit Jahrzehnten, sich dem Zeitgeist anzupassen. Sie liberalisiert und an vielen Punkten (Ehe und Familie) warfen sie biblische Grundsätze über Bord und beraubt sich so selbst ihrer Existenzberechtigung (würde ich mal so sagen).
Ich sehe auch, daß viele, die ihre Kirche, aber nicht ihren Glauben über Bord warfen, sich in Freikirchen wiederfinden. Darüber freue ich mich, allerdings machen Freikirchler prozentual kaum etwas in der Gesellschaft aus und wenn sie sich bemerkbar machen, haben sie oft keinen guten Stand (mir ist sowas aber grad Wurscht).
Ich habe mich dazu entschlossen, mich nicht darüber aufzuregen, wenn in Berlin-Kreuzberg Weihnachten abgeschafft wird, von mir aus könnte man das völlig abschaffen. Überhaupt könnte man von mir aus sämtliche Christliche Feiertage abschaffen – wir sind ja eh kein christliches Land mehr – das wäre dann wenigstens konsequent. Ich würde Weihnachten eher in den Juli, oder August legen, das wäre nach meinem Wissenstand sowieso autentischer (man nimmt an, daß Jesus eher im Sommer als im Winter zur Welt kam…). Ich bin nur mal gespannt, wie die Menschen reagieren würden, wenn man ihnen die „christlichen Feiertage“ wegnehmen würde, für mich wäre es nur eine Konsequenz aus ettlichen Entscheidungen vieler Menschen, deren eine Entscheidung gegen Gott vorangegangen ist. Man sollte dann aber darauf pochen, daß die (wenigen) Christen ihre Feiertage dann auch feiern können, wir leben ja angeblich auch in einer freien, pluralistischen und toleranten Gesellschaft (was ich im Grunde anzweifle, aber offiziell sind wirs ja).

4 Gedanken zu „Wir leben in keinem christlichen Land (mehr)“

  1. Deutschland war in der Breite nie ein christliches Land, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass es von Christus wirklich geprägt gewesen wäre. Von religiösen Leitern geprägt war es schon, aber eher von der Sorte Leiter, die Jesus gerne mal „Otternbrut“ genannt hat. Das wurde dann alles immer mal aufgeschreckt von Leuten, die mehr jesusmäßig drauf waren als üblich (Luther, Zinzendorf, …), aber in der Breite war das alles nicht wirklich Jesusnachfolge, sondern „ein wenig Jesus draufschreiben, aber ansonsten ein nicht jesusmäßiges Leben führen“.
    Den Unterschied zwischen „jesusmäßig“ und „humanistisch“ kennt ja auch kaum einer, weil es teilweise ja schon ein wenig ähnlich aussieht (Wikipedia sagt: „Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern.“ Das sind durchaus Dinge, die Christen in einem gewissen Maß auch anstreben.), nur steht beim Humanismus der Mensch im Mittelpunkt, aber wenn man jesusmäßig unterwegs ist, steht eben Gott im Mittelpunkt.
    Das, was heute passiert, ist nur ein Abbröckeln der verbliebenen religiösen Fasade. Und die paar wirklichen Jesusnachfolger hatten schon immer einen schweren Stand. Das ist normal. Das ist kein Grund, sich aufzuregen. Wenn überhaupt, dann ist es ein Grund zu beten.

  2. Ich glaube, eine Tendenz zu erkennen, und zwar: Die Säkularen nehmen zu, die Gläubigen nehmen ab, dafür aber radikalisieren sie sich. Dazwischen werden die Amtskirchen zerrieben, denn die moderne Zeit erzwingt immer mehr eine Entscheidung für eines der beiden Lager. Das „gemäßigte“, „politisch korrekte“, „moderate“ Christentum hat keine Chance mehr. Hier mal zur Veranschaulichung O-Ton Bischof Huber: „Man kann ja weiter an die Hölle glauben; das zwingt mich aber nicht zu glauben, dass auch jemand drin ist“ (siehe http://www.youtube.com/watch?v=7Is_-VJEd58 etwa bei 25:20). Ich glaube, mit solch haarsträubender Akrobatik wird kein Blumentopf mehr zu gewinnen sein. Denn säkular ausgerichtete Menschen kann man damit kaum beeindrucken, und Christen, die ihre Religion noch richtig ernst nehmen, werden eine solch starke Verdünnung ihrer Glaubenssätze nicht hinnehmen. „Aufgeklärte“, „moderne“ Christen werden immer mehr an den Punkt kommen, wo sie sich fragen, was das alles überhaupt noch soll, wenn eh alles beliebig ist. Nett sein kann man auch ohne Kirche, und wenn Gott sowieso keinen in die Hölle steckt, na dann…

    Die Tendenz der scharfen Abgrenzung zwischen Säkularen und Gläubigen lässt sich nicht aufhalten, es wird zu einem Problem der nächsten Jahrzehnte werden.

  3. Thomas: Stimmt schon, ich rege mich ja nicht darüber auf, ich stelle es nur mal fest :). Und beten – joar, sicher!

    Highlund: Ich denke, man darf als Christ nicht den Fehler begehen, zu versuchen, die eigene Weltanschauung anderen aufzuzwingen. Als Christ sehe ich ersteinmal einen Gott, der die Freiheit gegeben hat, sich für oder gegen ihn zu entscheiden, warum sollte ich als Christ dann versuchen, diese Freiheit zu nehmen?
    Trotzdem kann ich persönlich eine ganz andere Meinung haben – und auch vertreten. Wo man da politisch die Grenze zieht, ist dabei für mich fraglich. Wenn ich zB der Meinung bin, daß Homo-Beziehungen schlecht sind, aber gleichzeitig der Meinung bin, daß jeder Mensch sich so entfalten kann, wie er will, stößt das natürlich immerwieder auf Konflikte. Das ist jedoch immer so, egal, wo man da steht kommt man in solche/ähnliche Konflikte. Ich wähle zB die Piraten, deren Familienbild ich überhaupt nicht teile, aber ich eben dort dieser anderen Meinung sein darf.

  4. Ich sehe das mit Weltbildern und Politik eher pragmatisch. Es soll jeder glauben dürfen, was er will, und jeder soll seinen Glauben auch praktizieren dürfen, sofern er die Freiheit anderer nicht über Gebühr einschränkt. Wenn sonntags die Kirchenglocken läuten, geht das in Ordnung. Und als Autofahrer ist es mir egal, ob ich wegen eines Schützenumzugs oder einer Fronleichnamsprozession halten und mal ein paar Minuten warten muss. Jeder Fundamentalchrist soll sich in die Fußgängerzone stellen und vom Himmelreich Gottes und Höllengefahren erzählen dürfen, während in unmittelbarer Nähe eine Gay-Parade vorbeizieht. Eines aber ist klar: Die Gesetze müssen weltlich sein, denn das ist unter den verschiedenen Weltanschauungen der kleinste gemeinsame Nenner. Sie dürfen also keine weltanschauliche (also z.B. religiöse) Gruppierung bevorzugen, sondern betont auf Pluralismus im Rahmen staatlicher Ordnung setzen, sonst kracht’s, gerade so wie derzeit in Ägypten und in Tunesien.

    Würdest du mir da zustimmen?

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